Fühle den Schmerz so intim wie möglich. Das war ganz sicher ein Satz, den Soham so oder so ähnlich sehr oft gesagt hat. Er hat bestimmt auch gesagt: »Fühl dein Gefühl so intim wie möglich!« Und es ist spannend, was passiert, wenn man intim ist mit einem Gefühl oder mit einem Schmerz. Dadurch verändert sich etwas, aber das, was sich verändert, kann man nicht wirklich beschreiben. Man muss es tun, damit man weiß, was gemeint ist. Und das, was man damit tut, kennen wir gar nicht. Wir sind das gar nicht gewöhnt, wir wissen gar nicht, was das ist, wir kennen das nicht. Deshalb können wir uns es nicht vorstellen, wir wissen nicht, wie es geht, weil wir keine Erfahrung haben, weil wir es noch nie gemacht haben. Oder wir haben es vielleicht einmal versucht und dann gedacht und gesagt: »Ah, kann ich nicht, geht nicht, ich verstehe nicht, was gemeint ist.« Und es geht aber gar nicht darum, ob du es richtig machst, sondern es geht darum, ob du es das erste Mal in deinem Leben anders machst. Und natürlich wirst du es anfangs nicht können. Du wirst nicht perfekt sein, du wirst dir nicht sicher sein, ob es richtig war oder ob du es richtig gemacht hast. Im Gegenteil: du wirst verunsichert sein — und all das gehört dazu. All das ist Teil des Prozesses. Und das ist der viel spannendere Teil des Prozesses, als würde dir von Anfang an alles gelingen, als könntest du es bereits und als hättest du das Gefühl, dass du es schon bei oder nach den ersten Versuchen gemeistert hast. Es nicht zu meistern, ist viel spannender und lässt viel mehr Raum für Neues. Ich weiß zum Beispiel bis heute nicht, ob ich jemals in meinem Leben meditiert habe. Es ist mir aber auch egal. Deswegen kann ich ja einfach weitermachen. Ich tu halt so. Ich bin mir nach wie vor nicht sicher, ob das gemeint ist. Ich habe so eine kleine Ahnung davon beziehungsweise ich habe eine Anleitung von Swamiji, aber sonst habe ich nicht viel. Und ich mache es manchmal zuverlässiger und manchmal habe ich einen Hänger und ich kann dir nicht sagen, ob es das ist, was gemeint ist und es ist mir gar nicht mehr wichtig. Und genauso habe ich es gemacht mit den Gefühlen und mit meinem Schmerz, wenn Soham gesagt hat: »Fühle den Schmerz so intim wie möglich! Fühle deine Gefühl so intim wie möglich! Gehe in die Mitte deines Gefühles!« Ich hatte kein einziges Mal den Eindruck: »Jetzt habe ich es.« Ich hatte nie das Gefühl: »Jetzt bin ich durch. Ich habe es gemeistert. Ich bin am Ende angekommen.« Und das hat für mich viel mehr verändert, als es zu tun beziehungsweise als es richtig zu tun oder zu wissen, ob ich es richtig tue. Die Entspannung mit dem Moment, die Entspannung in jedem Moment — so gut es geht —, nicht immer ist es möglich, aber es wird im Lauf der Zeit eine Gewohnheit und diese Entspannung hat mir viel mehr gebracht, als wenn mir jemand gesagt hätte: »Toll Stefan, du hast alles richtig gemacht. Jetzt bist du ein wahrer Meister. Jetzt hast du es gecheckt. Jetzt darfst du es auch lehren und darfst es anderen beibringen.« All das war nicht notwendig. Ich wollte es auch gar nicht. Ich habe einfach versucht, das zu tun, was Soham gesagt hat und gleichzeitig habe ich versucht, mich dabei so genau wie möglich zu beobachten. Das ist nicht leicht und nicht einfach in dem Sinn und es gibt Bereiche, in denen fällt es einem leichter und es gibt Bereiche, in denen fällt es schwerer oder in denen gelingt es überhaupt nicht. Und aus all dem kein Problem zu machen, sondern einfach weiterhin zu tun — so gut wie möglich — im Rahmen meiner bestehenden Möglichkeiten. All das ist für mich ein viel größerer Schlüssel, als es richtig zu machen oder als zu wissen, man macht es hundertprozentig richtig und man ist jetzt richtig gut und man hat es jetzt. Und es macht auch demütig, wenn man eindeutig merkt, dass es Bereiche gibt, in denen es einem überhaupt nicht gelingt, dass es Bereiche gibt, in denen man sich schwer tut. All das ist kein Problem. All das ist Bestandteil des Weges.