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    19.9.2021AQ 1395
    »Disziplin ist, sich zu erinnern, was man wirklich will.«
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    Disziplin ist, sich zu erinnern, was man wirklich will. Disziplin ist eine der meist missverstandenen Tugenden, wie eigentlich alle Tugenden missverstanden werden. Die meisten Menschen verstehen unter Disziplin, sich zu etwas zu zwingen, wozu man keine Lust hat. Und das ist keine Tugend, sondern krank und unfassbar bescheuert, denn um davon auszugehen, dass Sich-zu-Zwingen tugendhaft wäre, müsste man davon ausgehen, dass das, was man da tut, wozu man sich zwingt, extrem wertvoll wäre, extrem wichtig. Und was könnte so wichtig sein? Das, was wir als wichtig erachten, ist es in der Regel nicht. Das, was wir als wichtig erachten, wurde uns als wichtig beschrieben, es wurde uns gesagt, es sei wichtig. Wir haben es aber nie überprüft, ob es für uns wirklich wichtig ist jenseits der Meinung, dass es wichtig sei. Also das heißt, du tust Dinge, weil du denkst, sie seien wichtig. Du tust sie aber nicht, weil du sie wirklich für wichtig hältst, weil sie für dich tatsächlich nicht wichtig sind. Aber du denkst, sie sind wichtig und deshalb tust du es. Wenn du stattdessen etwas tust, was du gerne tust, etwas, das dich begeistert, dann ist es nicht so, dass du dann automatisch diszipliniert bist, sondern du brauchst keine Disziplin. Auf jeden Fall nicht in dem Sinn, wie du das Wort bisher verwendet hast. Mit Begeisterung ist Disziplin nicht notwendig. Du machst es ja gern. Und wenn du etwas wirklich gerne machst, dann ist es auch mal okay, falls du einen sogenannten Durchhänger hast. Da musst du dich dann nicht zwingen. Da machst du einfach einen Tag Pause und am nächsten Tag ist alles wieder startklar und wenn es zwei oder drei Tage dauert, macht es auch nichts. Nur diejenigen Menschen disziplinieren sich selbst, die nicht das tun, was ihre Freude ist und die sogar im Gegenteil etwas tun, was überhaupt nicht ihre Freude ist, was ihnen gar nicht entspricht, wofür sie sich quälen müssen im Sinne von Disziplinieren. Das Synonym für Disziplin ist bei den meisten Qual. Nicht deshalb, weil Disziplin beziehungsweise konstant oder kontinuierlich an etwas Arbeiten wirklich eine Qual ist, aber konstant und kontinuierlich dich zu etwas zwingen, worauf du keine Lust hast, das ist eine Qual. Und das ist tatsächlich gut, dass es eine Qual ist, denn nur so kann es dir auffallen. Das einzige Problem ist, dass wir so sehr an die Qual gewöhnt sind und dass wir denken, die Qual gehört konstant dazu, denn nur wer sich quält erreicht etwas, nur wer sich quält, zieht etwas durch und wird erfolgreich sein, nur harte, quälende Arbeit wird zum Erfolg führen — weil diese Idee so tief in uns ist, denken wir wirklich, konstante oder andauernde oder zumindest sich ständig wiederholende Qual sei normal und nicht nur normal, sondern notwendig und richtig und wichtig und die einzige Möglichkeit, der einzige Weg zum Erfolg. Und wenn du dir vor Augen führst, was wir da tatsächlich machen und auch nur einen einzigen lichten Moment dabei hast, dann musst du erkennen, dass das der falsche Weg ist, dass du die Zeichen, die Signale übersiehst und konstant absichtlich unter großen Schmerzen übergehst. Und das solltest du nicht tun. Es ist nicht gut für dich. Es ist der falsche Weg. Das einzige Problem ist, dass es nach dieser Erkenntnis eine Übergangsphase gibt, die unterschiedlich lang und unterschiedlich hart ist. Du musst dann nämlich aufhören, das mit Disziplin ist gleich Druck und Qual zu tun, was du gerade tust, du musst aufhören damit. Und das ist nicht einfach. Da werden neue Schmerzen entstehen. Schmerzen, die für dich, nachdem du ja jetzt merkst, dass du nicht unter Schmerzen etwas tun sollst, den Anschein erwecken, als wäre das auch der falsche Weg und du gehst sofort zurück in die Disziplin. Du wählst lieber einen bekannten vertrauten Schmerz, als bereit zu sein, einen neuen unbekannten zu fühlen und dieser neue, unbekannte wird sehr wahrscheinlich kommen. Denn du gehst mit diesem neuen Weg, dich selbst nicht mehr zu disziplinieren und vor allem dich auch von anderen nicht mehr disziplinieren zu lassen, egal mit welchen Anreizen, Bestechungsversuchen oder Drohungen, damit gehst du einen komplett neuen Weg und den empfinden die meisten Menschen als gegen sie gerichtet, obwohl er das natürlich nicht ist, aber durch dein Beispiel müsste ihnen eigentlich auffallen, wie es auch möglich ist. Und das will sich niemand eingestehen. Niemand will sich eingestehen, dass es sein könnte, dass die Möglichkeit besteht, dass er zehn, zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig Jahre seines Lebens etwas falsch gemacht haben könnte. Das wäre ein neuer Schmerz, den kaum jemand bereit ist zu fühlen und deshalb wirst du mit deinem neuen Weg nicht mit offenen Armen empfangen. Niemand wird sagen: »Wow, du gehst einen neuen Weg. Cool! Das wollte ich auch schon immer mal probieren. Danke, dass du mich daran erinnerst.« Sondern ganz im Gegenteil: Sie werden versuchen, dich wieder einzufangen. Nur deshalb, weil sie ihre eigenen Schmerzen nicht fühlen wollen und sie werden dir deshalb sagen, wie falsch das ist, was du gerade tust. Denn sie leben ihr Leben diszipliniert. Mit Schmerzen und in Qual, die ihnen so vertraut geworden ist, dass sie es nicht mehr merken. Verschwende deshalb auf deinem neuen Weg keine Zeit mit Erklärungen und lebe dein neues undiszipliniertes Leben: Frei von den Erwartungen und Vorschriften der anderen, die sich lieber selbst quälen!