Hingabe ist Selbstermächtigung. Das kannst du aber nicht erleben, wenn du dich ständig selbst ermächtigen willst. Dieses heutige Zitat ist trickreich und hat es in sich, denn es ist eine große spirituelle Frage und die lässt sich im Prinzip zurückführen auf: »Kann ich etwas tun?« oder »Kann ich nichts tun?« Manche Lehrer sagen: »Gib vollkommen auf!« und manche sagen: »Tu alles dafür!« Und das ist offensichtlich ein Widerspruch, aber nur scheinbar. Denn nur der Verstand in seinem Machbarkeits- und Regelungswahn konzentriert sich die ganze Zeit darauf, dass du es im Griff hast. Das was gemeint ist, wenn du es vollkommen willst, ist etwas anderes als »es im Griff haben«. Das beinhaltet die gleiche Hingabe. Wenn du etwas zu hundert Prozent tust und willst, beinhaltet das die gleiche Hingabe, wie wenn du aufgibst. Der Haken dabei ist nur beziehungsweise warum das Ganze überhaupt ein Problem sein kann, liegt daran, dass sich der Verstand, dein Ego, die Programmierung viel leichter tut mit Selbstermächtigung. Das heißt, das schnappt sich deine Programmierung ganz leicht und sagt: »Ah ja, Selbstermächtigung, wir müssen etwas tun. Wir müssen es voll wollen, dann geht es. Ich will es doch voll, warum funktioniert es nicht?« Das ist keine echte Selbstermächtigung. Selbstermächtigung beinhaltet nämlich auch vollkommene Hingabe, wenn etwas nicht funktioniert. Vollkommen dazu stehen, dass es schief gegangen ist und keine Lösung suchen, nicht ständig im Dreieck springen. Es hört sich besser an — Selbstermächtigung, Hingabe ist sehr unpopulär und auch Hingabe wird nicht wirklich verstanden. Das bedeutet nämlich nicht, nichts zu tun. Wenn du dich hingibst, passiert etwas, was sehr seltsam ist. Erst einmal denkt dein Verstand, dass das dein Untergang ist und da kommst du auch nie wieder raus. Da ist er sich vollkommen sicher. Ich hatte das Problem mindestens fünfzehn Jahre lang, ich habe nicht verstanden, wie das zusammenpassen soll — die Lehre von Soham mit Manifestation. Das war ein viel zu großer Widerspruch. Manifestation habe ich auch ausprobiert, es hat aber nicht funktioniert und ich bin im Nachhinein sehr, sehr froh, dass es nicht funktioniert hat. Die Lehre meines Lehrers zu leben hat gefühlt auch nicht funktioniert, aber ich habe es trotzdem getan und das ist der große Unterschied gewesen. Ich habe es einfach trotzdem getan. So schlecht wie ich es konnte und so beschissen wie ich mich dabei fühlte, ich habe getan, was Soham gesagt hat. Und das hat nicht dazu geführt, dass ich anschließend in irgendetwas gut war und schon gar nicht, dass ich irgendetwas manifestieren konnte. Aber nach zehn Jahren oder so hat sich etwas von alleine verändert, ohne dass ich dafür etwas tun musste. Und es wurde mir gegeben, es wurde mir geschenkt und zwar vollkommen ohne eigenes Zutun, ohne meine Beteiligung. Ich hatte zu dem Zeitpunkt jahrelang geübt, nichts zu tun. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich gar nichts getan habe, aber ich habe versucht, im Kopf nichts zu tun. Und das geht nicht von heute auf morgen, ist aber in seiner Essenz Hingabe. Und wenn du diese Hingabe lebst, merkst du im Lauf der Zeit, dass diese Hingabe tatsächlich dein Selbst ermächtigt. Du kannst dadurch dich selbst leben. Dieses Selbst ist aber nicht das, was du dachtest und was du vorher gerne gelebt hättest. Es ist dein wahres Selbst, das ermächtigt wird und keine ausgedachte Version davon. Dieses Selbst lebt schon immer in Fülle. Es kennt gar nichts anderes. Denn seine Fülle ist nicht irgendeine Form von äußerem Reichtum, seine Fülle ist, sich zu verschenken, selbst zu sein. Es ist die freie Entfaltung deines Selbst. Dieses Selbst kennst du aber noch nicht, denn solange du Ideen hast, was das ist, wie das sein soll und was du daraus machen kannst, ist es noch nicht dein Selbst, sondern maximal eine Zerrform deines Selbst durch den Spiegel oder durch die Linse des Egos. Deine Programmierung ist noch beteiligt. Und Hingabe an diesen Moment, wie er jetzt gerade wirklich ist, löst diese Programmierung auf.