»Lernen ist viel größer als es einem gezeigt wird.« Marie-Helen Dieses Zitat ist von Marie-Helen, einer Freilernerin. Ich habe ihr Video und die Seite in der E-Mail verlinkt. Und dieser Satz ist so wichtig. Was dir von deinen Eltern, in der Schule und generell in der Gesellschaft gezeigt wird, was Lernen angeblich sein soll, ist nicht einmal ein kleiner Bruchteil davon. Lernen ist so viel größer als auswendig lernen, Lernen ist so viel größer als ein paar Fakten zu kennen. Lernen ist tatsächlich wirklich und ganz im Ernst dein gesamtes Leben. Du kannst nicht nicht lernen. Du erlebst etwas, also lernst du. Und diese Reduzierung, dieses Einschrumpfen von diesem immens großen Ding namens Lernen, was kein Ding ist, auf Unterricht und ein paar Lehrer und ein paar Fächer ist das größte Verbrechen, was wir dem Lernen antun können. Es geht in deinem Leben absolut überhaupt nicht darum, was du belegen kannst, welche Diplome du hast, welche Zeugnisse an deiner Wand hängen, ob du einen Doktortitel hast, ob du ihn dir erschlichen hast. Das ist alles irrelevant. Es ist nur eine Krankheit unserer Zeit. Es spielt wirklich absolut keine Rolle. Wenn du ein Haus bauen willst und du hast einen Maurer, einen Handwerker, einen Dachdecker, einen Fliesenleger, einen Elektriker, dann ist es nicht relevant, ob er beweisen kann auf Papier, dass er was kann. Das Einzige, was zählt, ist, dass er es kann. Woher er dieses Wissen hat, wie er es erworben hat, ob durch ein Praktikum, durch die Berufsschule oder durch Freies Lernen, kann und muss dir vollkommen egal sein. Es ist einfach nicht relevant. Es ist so unfassbar, dass wir jemals etwas anderes denken konnten. Lernen ist so viel mehr und so viel größer, als es uns gezeigt wurde. Wir haben Lernen auf die geringste Möglichkeit reduziert. Und wenn wir es genau betrachten und dabei wirklich ehrlich sind, dann ist es noch nicht einmal die geringste Möglichkeit, denn das, was du nach deinem Schulabschluss dein Wissen nennst, ist keines. Es ist auswendig gelernt. Auswendig gelernt ist kein Wissen. Das einzige Wissen, das wirklich relevant ist, mit dem du tatsächlich etwas anfangen kannst, ist Erfahrungswissen. Es gibt dazu ein lustiges Beispiel, was einige Ingenieure bestätigen können. Ein Ingenieur, der nach der reinen Wissenschaft plant und baut, scheitert. Er muss es in der Praxis anwenden, sagen zumindest einige Ingenieure. Die sagen, es funktioniert nicht, wenn wir das machen, was die Wissenschaft sagt. Wir müssen immer irgendwo noch etwas Seltsames oder Unvorhergesehenes anpassen, damit es dann tatsächlich funktioniert. Du kannst es super toll berechnen und alles ist mathematisch, physikalisch, chemisch und so weiter vollkommen richtig und dann musst du es auch noch so bauen, damit es funktioniert. Das ist Erfahrungswissen: Du probierst es selber aus. Auswendig gelerntes Wissen ist ganz nett, kann manchmal unter Umständen eine Berechnungsgrundlage sein oder etwas, woran du dich erinnerst, damit du irgendwo einen Anhaltspunkt hast, wo du beginnen kannst, aber dann musst du es selbst tun. Es bringt nichts zu wissen, wie zum Beispiel Radtraining richtig funktioniert, wenn du es nicht tust. Und erst dann, wenn du es tust, wirst du merken, ob diese Trainingstheorie, die du da gelernt hast oder die dir jemand gesagt hat, auch bei dir funktioniert. Lernen ist so groß, dass wir ihm mit der Schule und der Universität nicht im Entferntesten gerecht werden können. Vor allem tun wir damit so, als bräuchte es Jahre der theoretischen Vorbereitung, um dann endlich in der Praxis etwas anwenden zu können. Jeder, der in der Schule war und dann theoretisch etwas gelernt hat, zum Beispiel studiert hat, zum Beispiel Medizin, weiß, dass sein Studium alleine überhaupt gar keinen Wert hat. Dann geht es um die Praxis und die sieht so anders aus als dein Studium, dass du vom Prinzip her alles neu lernst. Mit dem Lernen in der Schule und in der Universität begrenzen wir das Lernen auf seine unbedeutendsten und irrelevantesten, vernachlässigbarsten Bereiche und wir tun so, als wäre Praxis von Lernen getrennt. Und es ist genau umgekehrt: Die Praxis ist viel mehr von Lernen geprägt als jede Theorie. Die Theorie ist im Kopf, die kannst du auch ziemlich gefühllos runter rattern. Da kannst du was auswendig lernen und dann auswendig aufsagen, aber es ist ein Unterschied, ob du ein Gedicht auswendig aufsagst oder ob du es lebst und liebst und ob du es dann rezitierst mit der Leidenschaft, die du lebst. Wir haben Lernen auf den unemotionalen, auf den rationalen Teil reduziert, was natürlich gar nicht möglich ist. Deswegen sind unser Emotionen dem Lernen gegenüber so negativ, weil so getan wurde, weil wir versucht haben so zu tun, als wären wir losgelöst, unabhängig vom Lernen, als wäre Lernen etwas, was halt passieren muss, was wir halt tun müssen und wozu wir tatsächlich einfach gezwungen werden, was aber nicht das echte Lernen ist. Es ist alles nur Verstand. Der Verstand der Lehrer lehrt den Verstand der Schüler und leider lehrt er ihn nicht mit Doppel-ee, sondern mit -eh. Die Lehrer übertragen ihren Verstand an die Schüler. Viele versuchen es emotionslos, was natürlich nicht geht, weil das sind dann unterdrückte Emotionen und versteckte und sehr oft negative Emotionen. Viele Lehrer wollen mit Kindern und Menschen gar nichts zu tun haben. Was vollkommen verständlich und auch folgerichtig ist, denn genauso wurde ihnen selbst ja Lernen beigebracht — dass es nichts mit Menschen zu tun hat, dass es einfach nur auswendig lernen, etwas können, weil man es gehört hat, weil man es gelesen hat, ist und Schlaumeier sein. Lehrer sind nur ein Produkt dessen, dass wir nicht verstehen, dass Lernen so viel größer ist. Und wir bilden uns dann tatsächlich ein irgendwann, weil wir ja so gelitten haben unter dem Lernen, was auch vollkommen verständlich ist, dass wir dann denken: »Jetzt habe ich ausgelernt. Endlich bin ich raus aus der Schule, aus der Uni, aus der Ausbildung. Jetzt kann ich leben. Jetzt muss ich nicht mehr lernen.« Aber dann leben wir nicht wirklich, weil wir haben das Lernen verdrängt — das echte Lernen. Das wurde uns ausgetrieben. Wir haben keine Lust mehr. Wir denken: »Jetzt reicht es!« Dabei würde es nach der Ausbildung, nach der Uni, nach der Schule erst losgehen — mit echtem Lernen.