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    5.9.2021AQ 1382
    »Ein mündiger Bürger ist kein Bürger mehr.«
    0:009:49
    Ein mündiger Bürger ist kein Bürger mehr. Wenn du wirklich mündig bist, dann lässt du dich nicht mit einem Wahlrecht abspeisen und dann bist du kein staatstreuer Bürger. Ein mündiger Bürger ist ein Widerspruch. Sowas wie eine kleine Giraffe mit einem kurzen Hals — sowas gibt es nicht. Die beiden Definitionen widersprechen sich. Wenn du mündig wirst und bist, schaust du hinter die Kulissen und du schaust tiefer, als es den Staatsgläubigen lieb ist. Du musst beziehungsweise es ist ein Automatismus, dass du das Spiel durchschaust. Es ist auch leicht zu entdecken, denn Bürger — auch die sogenannten mündigen Bürger, die aber keine sind — werden immer noch mit Angst gesteuert und lassen sich auch bereitwillig mit Angst steuern und merken das entweder gar nicht, dass sie mit Angst gesteuert werden oder bestreiten es sogar. Große Krisen wie die Finanzkrise 2008 werden heruntergespielt und kleine Krisen werden aufgeblasen. Ein mündiger Bürger durchschaut das, aber er ist eben kein Bürger mehr. Er ist ein Mensch, der sieht und dieses Sehen kannst du nicht rückgängig machen. Du kannst nicht zurückgehen und sagen: »Ach, dann wähle ich halt wieder und bin glücklich.« Für einen mündigen Menschen macht es überhaupt keinen Sinn, einen Stellvertreter zu wählen. Das ist eine der absurdesten Ideen, die es überhaupt geben kann. Ein mündiger Mensch spricht für sich selbst, weil er es kann — eben weil er mündig ist. Und es ist auch nicht entscheidend, welche Meinung er hat — er steht zu ihr. Es ist auch nicht entscheidend, welches Gefühl er hat. Es ist entscheidend, er steht dazu. Ein mündiger Mensch kann sich in die perfiden Machtspiele anderer Menschen nicht mehr einbringen. Das ist einfach nicht möglich. Es ist ihm sogar zuwider. Denn er müsste sich anbiedern, er müsste seine Werte verraten, nicht die anerzogenen Werte, die sogenannte Moral, die wir lehren, sondern die Werte, die jeder in sich trägt — und die sind ja für jeden Mensch verschieden, aber jeder hat sie. Und für Machtspiele musst du diese Werte verraten. Du kannst gar nicht mündig sein, wenn es dir um Macht geht und um Bedeutung und um Positionen, um Ämter, um Hierarchie. Du verrätst dich auf diesem Weg bis zur Unkenntlichkeit. Das muss so sein. Es geht nicht anders, denn du bist ja nicht so. In deinem Kern bist du nicht machtgeil, du hast keine Machtgelüste. Das heißt, du musst dich verändern, um so zu sein und auch um da reinzupassen. Vielen Menschen ist nicht klar, dass es dazu gar keine Verschwörung braucht. Das ist bereits die Verschwörung. Die Menschen haben sich gegen sich selbst verschworen. Nur deshalb versuchen sie es auch untereinander zwischendurch. Aber der entscheidende Punkt ist die Verschwörung gegen sich selbst. Sie haben sich geschworen, dass sie alles tun, um ihre Ziele zu erreichen und um an der Macht zu bleiben — und entsprechend tun sie auch alles. Alles, was dafür notwendig ist und das ist nicht das, was ihnen natürlicherweise entspringt. Und ein mündiger Mensch sieht das und zwar zweifelsfrei. Es ist nicht schwierig für ihn, das zu erkennen, denn er kennt das von sich selbst. Er hat sich selbst erkannt und er hat sich selbst erwischt in Situationen, in denen er sich selbst verraten hat. Und ich sage das ohne Drama und ohne Stress oder Vorwurf. Es ist einfach extrem leicht zu erkennen für mich. Das liegt auch daran, weil ich früher selbst versucht habe dazuzugehören — auch in solchen Kreisen, in denen es darum geht, bestimmte Positionen zu besetzen. Dieses Spiel ist für mich Gott sei Dank in sehr kurzer Zeit extrem unattraktiv geworden. Ich konnte das damals noch nicht so artikulieren und das war auch eher eine Sache, die sich von selbst ergeben hat, einfach weil es mir keinen Spaß mehr gemacht hat und ich habe das nicht bewusst wahrgenommen. Aber im Nachhinein ist es mir vollkommen klar, dass das, was ich tun hätte müssen, vollkommen gegen meine Natur ist, gegen meine Freiheit und eben gegen meine Mündigkeit. Und ich bin dankbar und sehr froh, dass mein Leben wie von selbst eine andere Richtung eingeschlagen hat.