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    10.7.2021AQ 1325
    »Sorge dich nicht! Lebe!«
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    Sorge dich und lebe! Aus meiner Jugend kenne ich das Buch »Sorge dich nicht! Lebe!« von Dale Carnegie, glaube ich. Es stand wahrscheinlich im Bücherregal meiner Eltern und es beinhaltet eine unserer tiefsten, vielleicht sogar die Ur-Programmierung, denn genau das haben uns unsere Eltern viel zu oft gesagt: »Sorge dich nicht!«, während du dich sorgst. »Weine nicht!«, während du weinst. »Sei doch nicht traurig!«, während du traurig bist. »Sei doch nicht böse!«, während du sauer bist! »Ärgere dich doch nicht!«, während du dich vollkommen ärgerst. Man hat immer versucht, deine Emotionen und den Ausdruck deiner Emotionen zu unterdrücken. Du solltest sie nicht ausleben und wenn, dann doch bitte in einem bestimmten Rahmen. Diejenigen, die das von dir verlangt haben, die von dir wollten, dass du deine Emotionen im Griff hast, wollten das aus einem ganz einfachen Grund. Sie wollten ihre Gefühle nicht fühlen, während du Gefühle fühlst. Das ist alles. Und ja klar, das ist eine mega Herausforderung. Logisch. Selbstverständlich. Und auch das aus einem ganz einfachen Grund: Weil wir es nicht gelernt haben und weil es auch unsere Eltern nicht gelernt haben und deren Eltern nicht und deren Eltern natürlich auch nicht und so weiter. Und nur deshalb versuchen wir, die Gefühle der anderen im Zaum zu halten. Und deshalb sagen wir ihnen: »Sei doch nicht traurig! Sorge dich doch nicht!« Dieser Kreislauf ist einerseits verzwickt und andererseits der schönste, den es gibt, denn jedes Kind, jede neue Generation ist wieder die Möglichkeit für die Eltern, das nachzuholen, was sie nicht gelernt haben, was sie nicht lernen durften, was ihnen ausgeredet wurde und deshalb erscheint es auch so schwer. Es erscheint nicht deshalb so schwer, weil es wirklich unfassbar schwer ist, sondern es ist schwer, weil wir nicht so sein durften, weil wir nicht fühlen durften, was wir fühlen und weil unsere Eltern ihre Gefühle nicht gefühlt haben. Nicht deshalb, weil unsere Eltern nicht gesagt haben: »Fühl deine Gefühle!«, das muss man einem Kind nicht sagen, wenn man es selbst macht. Das ist unfassbar. Wir versuchen dann wieder eine Übung für das Kind draus zu machen. Warum? Warum sagen wir: »Fühle deine Gefühle?« Weil wir unsere Gefühle nicht fühlen wollen! Ein unfassbarer Kreislauf, den wir aber durchbrechen können. Wir haben diese Möglichkeit, wir sind dazu in der Lage. Und es fühlt sich deshalb so unfassbar schwer an, weil es die ultimative Herausforderung ist und es fühlt sich ja nicht nur schwer an, sondern es erscheint uns vollkommen unmöglich. Wir denken dann: »Ja, aber mit dem Kind stimmt was nicht. Da müssen wir was machen. Dem müssen wir zeigen, wie es seine Gefühle fühlen kann, damit es nicht immer so emotional ist.« In Wahrheit müssten wir uns erinnern, dass wir unsere Gefühle fühlen können, während ein Kind emotional ist und wenn wir das wirklich machen, verändert das alles. Wir dürfen es nicht machen, um dem Kind was zu zeigen oder um dem Kind was beizubringen oder um so zu tun »als ob«, sondern wir müssen es wirklich machen. Für uns, weil wir erkennen: »Oh, das ist ja gar nicht der andere, das ist ja gar nicht das Kind. Das bin ja ich. Ich halte es ja nicht aus. Wie kommt denn das? Wie kann es denn sein, dass ich die Traurigkeit, die Wut, den Ärger, die Niedergeschlagenheit eines Kindes nicht aushalten kann? Warum habe ich das in all den Jahren nicht gelernt? Woher kommt das? Warum bin ich auf hundertachtzig, wenn das Kind nur ‘Piep’ sagt oder wenn es nur mal ein bisschen sauer ist und mit den Füßen stampft und warum muss ich mich dann runterbringen? Warum muss ich dann Strategien anwenden, um nicht auszuflippen, um nicht durchzudrehen?« Wir stellen uns nicht die richtigen Fragen. Wir suchen nach der Lösung für unser Problem, das in uns liegt, immer außerhalb von uns und deshalb stellen wir die falschen Fragen: »Was kann ich am andern und der Welt ändern, damit ich endlich diese Gefühle nicht mehr fühlen muss?« Und das ist der grundlegende Mechanismus, warum die Welt so ist, wie sie ist. Weil wir immer bei den andern schauen und weil wir uns nicht vorstellen können, dass wir das einfach fühlen können und dass wir damit tatsächlich sagen könnten: »Okay, ich sorge mich halt und ich lebe. Trotzdem.« Sorge ist nicht getrennt vom Leben. Das ist nicht das Gegenteil davon oder das bedeutet nicht, dass du nie glücklich sein kannst oder dass du deswegen nicht zufrieden leben kannst. Wenn du dich vollkommen sorgst und dieses Gefühl im Körper fühlst, spricht überhaupt nichts dagegen, dass du trotzdem richtig gut lebst. Das einzige Problem liegt darin, dass wir sagen wollen: »Sorge dich doch nicht! Brauchst doch keine Angst haben. Was ist denn traurig daran?« Diese Sätze hat man früher zu uns gesagt und jetzt sagen wir sie uns selbst. Die andere Variante der Sorgen ist nicht, dass wir anderen seine Sorgen nehmen wollen, weil wir nicht bereit sind, unser Gefühl zu fühlen, falls sich jemand sorgt, sondern wir erzählen unsere Sorgen den anderen, in der Hoffnung sie dadurch loszuwerden. Und das ist genauso irre, denn die kommen immer wieder. Diese Gedanken kommen immer wieder, egal wie oft du sie anderen erzählst. Erst wenn du bereit bist, deine Sorgen für dich zu fühlen, in deinem Körper, nicht in Gedanken, beruhigt sich etwas in dir und wenn nicht, macht es nichts, weil du jeder Zeit wieder fühlen kannst, wo im Körper du die Sorgen fühlst. Meine Sorgen gehören mir. Sie sind sogar für mich da und extra für mich gemacht, damit ich mich erkennen kann. Wenn ich meine Sorgen erkenne, erkenne ich mich selbst. Meine Sorgen zu erkennen ist mein Weg in die Freiheit und dabei muss ich mich nicht um andere kümmern. Diese Freiheit ist automatisch anziehend. Also sorge dich, erkenne dich dabei und lebe!